„Von den Zwängen, denen man als Autor unterlegen ist“ aus dem Buch „Vergebene Liebesmüh“ von Denis Feuerstein

Nachtigall und Rose

Nachtigall und Rose

Ein etwas älteres Projekt von mir ist ein Buch gewesen, welches ich etwa vor zehn Jahren begonnen und vor etwa fünf Jahren beendet habe. Es war eine Anthologie von 15 humoristischen Kurzgeschichten, war aber nie wirklich zufrieden mit dem Ergebnis. In den letzten Jahren habe ich immer wieder ein bisschen daran herum geschrieben. Ich dachte daran es zu veröffentlichen, bin aber wieder sehr kritisch gegen mein Werk. Sehr würde ich mich über eure Meinung freuen und werde deshalb die ersten drei Geschichten hier online stellen.

Ich wünsche euch viel Vergnügen!

Von den Zwängen, denen man als Autor unterlegen ist

Als ich mit dem Schreiben anfing, da riet mir jeder ich soll es mit einer Liebesgeschichte versuchen. So auch ein Freund, der nicht genannt werden möchte, mit dem ich das folgende Gespräch führte.

Wir saßen in einem Café und während ich so meinen schwarzen Toast in der Hand hielt und den kalten Tee, für den dieses Café berühmt war (zweifelsohne hatte dieses Café einen gewissen Ruf, nur eben keinen guten), fragte ich meinen Freund: „Was soll ich für eine Geschichte schreiben?“

Ist das nicht dein Bier?“, fragte er.

Natürlich hatte er recht. Was ich schreibe, was aus meinen Kopf kommt, geht eigentlich nur mich etwas an. Etwas zu schreiben bedeutet etwas ungemein persönliches für jeden Autor; eine Einmischung war wie die Entweihung von heiligen Boden. Und nun fragte ich einen anderen nach Hilfe.

Nicht dass es mir an Talent oder an Kreativität mangelte, ich hatte nur leider absolut keinen Einfall mehr. Ich war total ausgebrannt und meine Ideen waren vorläufig erschöpft. Meine Muse hatte mich mal wieder im Stich gelassen ohne ihre Telefonnummer zu hinterlegen. Aber Frauen machten das öfter bei mir.

Was ich nun verlangte war nicht, dass es mir jemand abnahm eine Geschichte zu entwickeln. Ich wollte nur einen kleinen Denkanstoß – ein wenig Inspiration – die mir über meine Schreibblockade hinweghelfen sollte.

Ich erklärte es ihm und er sah ein, dass er mir in diesem Fall sehr wohl helfen konnte.

Er dachte kurz nach und antwortete dann: „Schreib doch eine Liebesgeschichte.“

Weil ich aber partout keine Liebesgeschichte schreiben wollte, sagte ich: „Nein!“

Worauf er mir erwiderte: „Warum nicht? Jeder schreibt Liebesgeschichten und man verdient dabei nicht schlecht.“

Ich will aber keine dämliche Liebesgeschichte schreiben, gerade weil es jeder tut. Das könnte ja schließlich jeder. Die Kunst liegt doch eben gerade darin Neues zu finden. Und außerdem: Was kann ich schon großartiges über die Liebe schreiben? Du weißt doch, wie es bei mir läuft.“

Ja, das weiß ich nur zu gut.“, sagte er, die Stirn dabei runzelnd und mit den Augen rollend. „Wie du willst. Dann versuche es doch einmal mit einer Abenteuergeschichte.“

Ich war zwar nicht wirklich zufrieden mit der Antwort, aber besser als nichts, dachte ich.

Oh, meinetwegen. Und worum soll es gehen?“

Mein Freund starrte an die Decke und stammelte: „Ähm, um einen Feuerwehrmann. Nein, einen Boxer. Ein richtig mutiger Kerl – richtig tapfer und so …“

Ähm?“

Was hat der Herr jetzt schon wieder auszusetzen?“

Ich schüttelte den Kopf: „Mutig? Tapfer? Was soll ich denn darüber schreiben? Schließlich bin ich derjenige von uns beiden, der Angst vor Spinnen hat.“

„… Ist auch egal.“, stöhnte er. „Irgend ein Typ also und der trifft nun diese mysteriöse exotische Dame …“

Ist das dein Ernst?“

Ja, warum denn nicht?“, rief er.

Wird das wieder so eine Geschichte, wo er nach dem Zusammentreffen mit der Dame, ein wildes Abenteuer besteht, sich beide näher kommen und schlussendlich heiraten?“, fragte ich ihn.

Ja, und?“

Was ich bei den meisten Geschichten schon immer als lächerlich empfand, war das geradezu zwanghaft herbeigeführte „Happy End“ in welchem Protagonist und Protagonistin zusammenkommen, heiraten, glücklich werden … Punkt: Als ob eine Frau nur dann glücklich werden kann, wenn sie einen stattlichen Mann findet. Wir alle wissen, dass die Probleme erst dann so richtig anfangen.

Wo ist denn dann der Unterschied zwischen einer Abenteuergeschichte und einer normalen Liebesgeschichte?“, wollte ich wissen.

Er antwortete ohne rot zu werden: „In einer Abenteuergeschichte gibt es mehr Action und weniger Romantik.“

Über diese Bemerkung rollte ich mit den Augen. Das konnte doch nicht wirklich seine Meinung sein.

Die Bedienung kam und füllte den Kaffee meines Freundes auf, worauf er ihr ein Trinkgeld gab.

Ich wand meinen Blick zur Tapete – nettes Muster nebenbei. Längsstreifen in drei Kaffeefarben: Schwarz, goldener Milchschaum und Mokka-Schokolade.

Die dunklen Töne der Wand sorgten für eine entspannte Atmosphäre, die durch die Ausrichtung zur Nordseite der Straße noch verstärkt wurde. Deswegen galt dieses Café bei Paaren und Studenten als gewisser Szenetreffpunkt. Hier konnte man sich in den dunklen Ecken mehr trauen, als in den prüden Restaurants um den Luisenpark. Dass es niemals mehr als ein Szenen-Treffpunkt wurde, dafür sorgten die bereits erwähnten Getränke und der Toast. Es war allerdings immer noch besser als bei „Milli’s“.

Ich riss meine Gedanken los und wandte mich wieder meinem Freund zu, der der Bedienung ein zu kleines Trinkgeld gegeben hatte, worüber sie sich mokierte. Er gab ihr verärgert einen Fünfer und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf mich.

Ist das zu fassen? Beschwert sich über eine Mark und knöpft mir dann einen Fünfer ab! Schreib doch darüber wie ehrlich arbeitende Menschen wie wir, von den schlecht gelaunten Kellnern geschröpft werden, die nur deswegen so schlecht gelaunt sind, weil sie hier sonst nur glückliche Liebespaare bedienen müssen.“

Den Kopf schüttelnd lehnte ich seinen Vorschlag ab: „Ja, komm mit was anderem. Komm mit was besserem!“

War auch nur ein Scherz.“, meinte er. „Wenn du so was schreibst könntest du auch gleich …“

Da sprang er plötzlich auf, schlug sich mit der Hand an die Stirn und rief: „Mach doch das, Allen!“

Was?“

Ich sah ihn eindringlich an um ihn daran zu erinnern, dass ich kein Hellseher war und dass er es schon sagen müsste, was er meint, damit ich ihn verstehe.

Mach ein erotisches Buch.“

Ich soll was machen?“, stotterte ich.

Du weißt schon … so etwas wie Fanny Hill‘.

Ich versuchte die Sache zu begreifen, rieb mir dabei die Schläfen mit meinen Fingern und fasste in einen Satz zusammen: „Du willst, dass ich ein pornografisches Buch schreibe?“

Ja genau! Ist doch nicht viel dabei. Innerhalb von drei Stunden bist du damit fertig.“

Mir scheint, dass du dauernd vergisst, mit wem du hier redest.“

Häh?“

Du weißt doch wie das bei mir läuft.“, seufzte ich.

Mein Freund stimmte zu: „Ja. Hatte ich ganz vergessen.“

Wie kannst du das vergessen? Gib mir endlich was vernünftiges mit dem ich arbeiten kann.“, forderte ich. „Nicht alles dreht sich um den menschlichen Fortpflanzungsdrang.“

Darüber war er nun einigermaßen erbost.

Scheiße!“, fluchte er. „Sag mal, wie stellst du dir das vor? Du verlangst eine Geschichte mit einem feigen, eierlosen Helden, ohne auch nur der Spur von Romantik? Wer würde sich so was kaufen? Es ist besser, dass du dich an meinen Rat hältst, bevor du mit der Sache gewaltig auf die Schnauze fällst. Also hör mir zu und schreib auf!“

Sollte das sein gut gemeinter Rat sein?

Als ob ich nicht selber entscheiden könnte was ich tun und lassen darf. Das ist das Leid, wenn man nach Hilfe verlangt: Der um Hilfe-Gebetene bildet sich ein, ein Mitspracherecht zu besitzen.

Ich schrieb auf, während er mir erzählte, wie sich seiner Meinung nach die Geschichte abzuspielen hätte. Ich schrieb auf, aber mit dem Gedanken im Kopf mich seiner Ideen zu widersetzen. Ich würde nur so tun, als würde ich mich an seinen Rat halten. In Wirklichkeit würde ich jedoch jedes Wort herumdrehen, bevor ich es aufschrieb.

Als ich dann Daheim war, ging ich die Notizen durch und begann aus den Fragmenten ein vollständiges Werk zu fertigen. Ein Werk, welches die Schemen und Muster der modernen Romankultur hinterfragen und das Dogma der Liebesgeschichten anprangern sollte, welches niemand hinterfragen wollte, weil es so schön bequem und einfach war nach Schablonen zu arbeiten. Um diese Aufgabe zu erfüllen habe ich mehrere Briefe und Aufsätze zusammengetragen, verändert, verbessert und neu zusammengefügt.

Nach einem halben Jahr war es dann soweit: Das Buch wurde gedruckt und füllte als Antwort zum gängigen Liebesroman sämtliche Schaufenster. Es kam wie es kommen musste. Das Konzept war zu … ich nenne es einmal experimentell für das ansonsten so anspruchslose deutsche Publikum und wurde von Lesern und Kritikern gleichermaßen zerrissen.

Mein Verleger musste kurz darauf Konkurs anmelden und ich wurde von der Presse zur Verantwortung gezogen. Mehrere Wochen wurde ich von Reportern und Menschen belagert, welche mir die Schuld für die Misere gaben, obwohl mein Buch, wenn überhaupt, nur einen kleinen Anteil daran haben konnte.

Mir kam es schlagartig in den Sinn, dass Deutsche womöglich keinen Spaß verstehen.

Und von Kunst, so meine Meinung, verstehen sie auch nichts.

Text und Zeichnung:

Denis Feuerstein

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