„Der Rat der eigenen Mutter“ aus dem Buch „Vergebene Liebesmüh“ von Denis Feuerstein

Nachtigall und Rose

Nachtigall und Rose

Dies ist die dritte und letzte Geschichte, welche ich veröffentlichen werde. Aber ich bin bereits in der Planung für einen Auftritt wo ich einige der Geschichten vortragen werde. Es steht noch nichts fest und vielleicht wird es auch dieses Jahr nichts mehr, aber ich bin fest entschlossen, diesen Geschichten eine Plattform zu geben. Auf die eine oder andere Weise!

Ihr dürft gespannt sein 😉

Der Rat der eigenen Mutter

Es klingelte an der Tür.

Frau Becker eilte hin, öffnete sie und bekam einen mittelgroßen Schock als sie ihren Sohn, mit blauem Auge und zerknittertem Hemd, auf dem Fußabtreter stehen sah.

Was zum …?“, stieß sie aus.

Ihr Sohn trat ein und setzte sich stillschweigend an den Tisch, während seine Mutter ihm nur mit offenen Mund hinterher starren konnte.

Was ist passiert?“

Er schüttelte den Kopf.

Du kannst mir alles sagen. Ich bin deine Mutter.“

Ihr Sohn hob sein Gesicht und blickte wie ein Reh in die Augen seiner Mutter – wie ein Reh, welches gleich von einem Auto erfasst wurde.

Schließlich brach ihr Sohn das Schweigen und antwortete: „In der Schule … während der großen Pause …“

Ja?“

„… Wurde ich von Karl und seinen Freunden verhauen.“

Das ist ja furchtbar!“, meinte seine Mutter. „Und?“

Und was?“, fragte ihr Sohn.

Und wurden sie bestraft?“

Ähm … nein.“

Seine Mutter war empört.

Was ist das nur für eine Schule? Bist du etwa nicht zum Lehrer gegangen?“

Nein.“

Sie schüttelte den Kopf und sagte: „Kind! Wenn du nicht verprügelt werden willst, dann gehst du zu einem Lehrer und sagst ihm, dass Karl und seine Freunde dich geschlagen haben. So einfach ist das. Dann können die dir nichts mehr. Dann werden sie nämlich Ärger kriegen, wenn sie dich noch einmal anfassen.“

Wirklich?“

Wirklich!“, bestätigte seine Mutter.

Ihr Sohn begann zu lächeln. Frau Becker strahlte auf ihre eigene fromme und blauäugige Art zurück.

Also, morgen gehst du als erstes zu einem Lehrer und sagst ihm was passiert ist und der sagt es dann den Eltern von Karl und seinen Freunden.“

Danke Mama.“

Gut. Ich mach jetzt das Mittagessen.“

Sie wandte sich ab und wollte in die Küche gehen, doch plötzlich rief ihr Sohn: „Warte noch!“

Sie drehte sich wieder um und blickte ihren Sohn an.

Ja …?“

Sie sagte das auf eine Weise, die von Frauen benützt wird, welche sich nur zu gern in die Angelegenheiten von anderen Menschen mischten und vom Ton her an ein quietschendes Türscharnier erinnerte – Ich bin mir sicher Sie wissen was ich meine.

Er schwieg einen Moment und blickte verschämt zum Boden. Seine Mutter wartete aufgeregt.

Schließlich überwand er sich und gestand: „Es gibt da noch etwas. Ein Mädchen …“

Das Geräusch, welches jetzt von Frau Becker kam, lässt sich nicht genau beschreiben. Es war ein Laut, der Überraschung mit Freude und irgendetwas drittem, nicht genau definierbarem, mischte. Es hörte sich in etwa so an wie ein Autoreifen, dessen Gummi vom Asphalt abgerissen wurde. Weil es für einen solchen Laut keine Umschreibung im Deutschen gibt, lasse ich die Inquit-Formel einfach einmal weg und versuche jenes Geräusch als Interjektion wiederzugeben, soweit es die deutschen Phoneme erlauben.

Uuuuuiiiiiii!“ , das war der Laut.

Mein Sohn, hast du eine Freundin?“, fuhr sie fort.

Dieses Geräusch hatte eine wirklich merkwürdige Wirkung auf ihren Sohn. Ihm wich die Farbe aus dem Gesicht, seine Mundwinkel zogen sich angewidert nach unten und seine Glieder blieben starr an seinem Körper. Er sah seine Mutter kurz entsetzt an und versuchte dann ihre Frage zu beantworten.

Ich weiß nicht.“, brachte er zögernd hervor.

Sie schüttelte den Kopf: „Und was soll das heißen?“

Nun, ich habe noch nicht mit ihr geredet und …“

Das solltest du aber schleunigst tun.“, unterbrach ihm seine Mutter. „Je länger du wartest desto wahrscheinlicher ist es, dass sie sich jemand anderen schnappt. Hör zu! Nachdem du morgen zum Lehrer gegangen bist und ihm das mit Karl gesagt hast, gehst du zu ihr hin und gestehst ihr deine Liebe.“

Was?!“

Also … du denkst sie hat Interesse an dir?“

Ähm, … vielleicht. Sie sieht mich manchmal so an.“

Gut.“, rief seine Mutter. „Dann gehst du morgen also zu ihr hin und sagst ihr, dass du sie liebst. Und wie könnte sie dich schon zurückweisen? Frauen stehen auf Männer, die die Initiative ergreifen. Und selbst wenn? Was könnte schon passieren – Etwas schlimmeres als ein „Nein“ hast du nicht zu befürchten. Vertraue mir einfach. Ich kenne mich mit so was aus.“

Ihr Sohn sah sie verlegen an und sagte verschüchtert: „Ähm, ja. Danke.“

Nichts zu danken!“, antwortete seine Mutter und verschwand grinsend in der Küche.

Am darauf folgenden Tag klingelte es wieder zur gleichen Zeit an der Tür.

Wieder eilte Frau Becker hin, öffnete und bekam den wahrscheinlich schwersten Schock ihres Lebens. Auf dem Fußabtreter stand ihr Sohn. Jedoch nicht einfach mit einen blauen Auge und zerknitterten Hemd, sondern mit zwei blauen Augen, zerrissenen Klamotten, roter Nase und mit einem Zahn in der Hand.

Großer Gott! Was ist passiert?!“, schrie Frau Becker.

Ihr Sohn spuckte etwas Blut auf den Teppich und antwortete: „Ich hab alles so gemacht wie du gesagt hast. Bin zum Lehrer gegangenen und habe ihm davon erzählt. Danach bin ich zu Sabine gegangen und habe ihr meine Liebe gestanden.“

Als gäbe es kein anderes Wort, bei dem es sich lohnen würde es in drittklassigen Geschichten immer und immer wieder zu wiederholen, sagte Frau Becker: „Und?!“

Als Karl und seine Freunde erfahren haben, dass sie wegen mir Ärger bekommen haben, sind sie während der Pause auf mich zugelaufen und haben mich verprügelt.“

Aber sonst ist doch alles gut gelaufen.“, meinte seine Mutter. „Denn was hätte noch schief laufen können?“

Das mit Sabine war sogar noch schlimmer!“

Was?“

Ihr Sohn holte Luft und fuhr fort: „Also, ich bin, wie du gesagt hast, zu ihr hin gelaufen und habe ihr meine Liebe gestanden. Dummerweise stand gerade in diesen Augenblick ihr Bruder hinter mir. Er lief rot an, warf mich zu Boden und trat auf mich ein, während Sabine über mich gelacht hat. Danke für deinen tollen Rat, Mama!“

So ging er an ihr vorbei in Richtung Badezimmer.

Frau Becker hob die Schultern und rief zu ihrem Sohn: „Sorry. Mein Fehler.“

Denis Feuerstein

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2 Gedanken zu “„Der Rat der eigenen Mutter“ aus dem Buch „Vergebene Liebesmüh“ von Denis Feuerstein

    • Ja, richtig 🙂
      Thihihi, gerade bei diesem Thema können Ratschläge ungeahnte Wendungen nehmen.

      Es zieht sich mit der Lesung wohl noch etwas hin, denn die ganzen Projekte an denen ich arbeite laugen mich ziemlich aus.

      Sorry, dass es ein bisschen länger gedauert hat. Die Nachricht war als gelesen markiert und da habe ich sie wohl übersehen.

      Gefällt 1 Person

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