Der Unsinn mit der umgekehrten Diskriminierung

Es kann nur gegen mich ausgelegt werden, dass ich es nicht schaffe zu diesem Thema eine Karikatur zu zeichnen, sondern mir die Mühe mache einen ganzen Aufsatz zu verfassen. Zum einen, weil mir dann vorgeworfen werden wird weder kreativ noch witzig genug zu sein um mir eine Karikatur aus dem Ärmel zu schütteln. Zum anderen, weil mir dann vorgeworfen wird für eine Gruppe Partei zu ergreifen. Aber ich finde, dass das Thema meine ehrlichen Worte verdient und eine Karikatur die Sache womöglich zu zweidimensional abbilden würde.

Der Grund für diesen Post ist ein Artikel von Ciani-Sophia Hoeder, dessen Grundaussage zur Zeit in vielen Medien kopiert wird. Die Autorin behauptet, dass es einen umgekehrte oder reversivem Rassismus nicht geben würde. Natürlich käme es vor, dass Weiße diskriminiert oder benachteiligt werden würden[1], aber Vorurteile, Pauschalisierungen, Stereotypisierungen durch Schwarze Menschen oder People of Color gegen weiße Menschen wären „eben kein Rassismus“ [2]. Sie sieht den Rassismus vornehmlich als eine Ideologie und nicht als ein soziokulturelles Phänomen und sieht im reversivem Rassismus das „Bedürfnis, sich nicht mit den eigenen Privilegien auseinandersetzen zu wollen“ [3] Es wäre eine Karte, welche immer dann gezückt werden würde, „sobald eine weiße Person auch nur den Hauch einer Ungerechtigkeit gegenüber weißen Menschen wittert.“[4]

Frau Hoeder hat Recht und hat Unrecht. Der Begriff des umgekehrten oder reversivem Rassismus für Vorurteile gegenüber Weißen ist Nonsens und wird als Kampfbegriff von einigen Rechten verwendet um gegen lang überfällige Reformen zu wettern. Es ist und bleibt jedoch per Definition gewöhnlicher Rassismus, denn was anderes sollte die Diskriminierung aufgrund der Hautfarbe sein? Was anderes sind den Vorurteile, Pauschalisierungen und Stereotypisierungen als Diskriminierung?

Auf der Wikipedia steht bezüglich Rassismus:

„eine Ideologie, nach der Menschen aufgrund äußerlicher Merkmale – die eine bestimmte Abstammung vermuten lassen – als ‚Rasse‘ kategorisiert und beurteilt werden. Die zur Abgrenzung herangezogenen Merkmale wie Hautfarbe, Körpergröße oder Sprache – teilweise auch kulturelle Merkmale wie Kleidung oder Bräuche – werden als grundsätzlicher und bestimmender Faktor menschlicher Fähigkeiten und Eigenschaften gedeutet und nach Wertigkeit eingeteilt.“ [5]

und bezüglich Diskriminierung:

„eine Benachteiligung oder Herabwürdigung von Gruppen oder einzelnen Personen nach Maßgabe bestimmter Wertvorstellungen oder aufgrund unreflektierter, z. T. auch unbewusster Einstellungen, Vorurteile oder emotionaler Assoziationen.“ [6]

Es ist dabei unabhängig davon, wer solche Vorurteile hegt und an wen sie gerichtet sind. Dafür garantiert der 3. Artikel im Grundgesetz und solche Grundsätze müssen für alle gelten und beachtet werden, ansonsten herrscht Ungerechtigkeit.

Niemand wird bestreiten, dass es zur Zeit eine starke Ungleichheit zugunsten „weißer Menschen“ gibt. Allein die verschleppten Prozesse gegenüber den Erstürmern des amerikanischen Kapitols und die Polizeibrutalität gegenüber „Black Lives Matter“-Protestanten beweist dies. Aber auch das ist abhängig von der Mentalität der jeweiligen Zeit, Geografie und Kultur.

Bei den alten Griechen war jeder ein Barbar, der nicht oder nur schlecht Griechisch sprach. Im Zweiten Weltkrieg und danach waren die Deutschen für die Amerikaner die „Krauts“ und die Russen für die Deutschen Vertreter einer slawischen und deswegen unarischen Rasse. Und wenn wir in Japan in eine Demonstration geraten, dann hören wir ab und an den Schlachtruf „White Pig Go Home“ [7].

Aber wir müssen nicht in die Vergangenheit oder in den fernen Osten reisen. Wir können auch einfach Menschen aus Polen, aus Rumänien oder aus den Balkanländern fragen, ob sie sich in Deutschland diskriminiert fühlen. Stehlende Polen und bettelnde Rumänen sind weiterverbreitete Stereotype. Tatsache: Nicht alle „weißen Menschen“ besitzen außerhalb ihres Herkunftslandes die gleichen Vorrechte.

Alle Menschen sind Ausländer fast überall.

Da kommt man auch unweigerlich zu der Frage, was man eigentlich unter „weißen Menschen“ versteht. Geht es hier ausschließlich um die Hautfarbe, die sehr viele Nuancen annehmen kann, oder geht es um die europäische Herkunft? Geht es um eine ethnische Zugehörigkeit oder gar um eine Weltanschauung?

Rassismus ist nur oberflächlich gesehen eine Ideologie, sondern ist ein soziokulturelles und psychologisches Phänomen. Es geht bei jeder Form von Diskriminierung um die inhärente Angst des Individuums vor dem Fremden und dem Wunsch, sich über den anderen zu stellen. Der Mensch sucht nach einem Grund, sich selbst zur erhöhen und da wird gerne eine Ideologie vorgeschoben um das zu rechtfertigen. Der Antisemitismus war vor dem Faschismus da und der Rassismus vor dem Kolonialismus.

Man muss natürlich unterscheiden wann eine Form von Diskriminierung institutionalisiert ist und wann sie unterschwellig ist, wann sie von einer Mehrheit ausgeht und wann von einer Minderheit. Die Apartheidsregierung in Südafrika wäre für das Letztere ein Beispiel. Für die dritte Möglichkeit könnte aber auch ein Raum gelten, in der ein Teil der Bevölkerung, der ansonsten eine Minderheit stellt, plötzlich die Mehrheit bildet. Das kann bspw. Schulen betreffen, wie etwa die Rütli-Schule, die 2006 in die Schlagzeilen geraten ist. Dies war definitiv das Ergebnis einer fehlgeschlagenen Integrationspolitik und das macht uns nur bewusst, dass solche Angelegenheiten in zwei Richtungen verlaufen können. So kommen wir an dem Punkt, wo sich Menschen mit Migrationshintergrund nicht als Teil der deutschen Gemeinschaft sehen, sondern als Unterdrückte oder Geduldete und jedes Wort des Unterdrückers nur als Rechtfertigungsversuch seines Herrschaftsanspruchs. Die Folge daraus sind Segregation und Parallelgeselleschaften und die Verhärtung bereits bestehender Fronten. So ist Frau Hoeders erklärte Zielgruppe auch nicht Deutschlands schwarze Frauen oder deutsche Bürgerinnen mit afrikanischer Herkunft, sondern jene, die sich als „Schwarze Frauen im deutschsprachigen Raum“ [8] begreifen.

Es ist diese Denkrichtungen, die zu solchen Aussagen und Titeln, wie „Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche“ [9] führen. Damit wird der „weiße Mann“ aus einer Diskussion gedrängt, die alle Menschen gleichermaßen und gemeinschaftlich betrifft. Nicht zuletzt, weil er Urheber von Ungerechtigkeit ist, sondern auch weil er entscheidend mitwirken kann an einer Verbesserung der Verhältnisse, indem er etwa Privilegien abgibt. Denn schließlich geht es doch um die Anerkennung der Würde und der Rechte des Einzelnen ungeachtet „seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen“ [10]

Und erst kürzlich machte Lori Lightfoot, die Bürgermeistering von Chicago, Schlagzeilen durch eine Aktion in der sie nur nicht-weiße Journalisten für Einzelinterviews zuließ. [11] Diese Aktion ist nur mit Trumps Vorgehen gegenüber CNN und anderen ihm gegenüber kritisch eingestellten Medien vergeichbar. Aber selbst bei Trump war nie so offen die Rede davon Menschen wegen ihrer Hautfarbe auszuschließen und es hatte die Funktion die Sprachrohre der Opposition kaltzustellen. Die hier herangezogene Begründung, dass es nicht genügend farbige Medienvertreter in Chicago gebe ist mehr als fadenscheinig, wenn man bedenkte, dass es mehr als genügend positive Beispiele gibt, wie man solche Missstände beseitigen kann, zum Beispiel Stipendien für benachteiligte Gruppen oder die Förderung von integrativen Maßnahmen.

Nochmals: Ich sehe keine Einschränkung meiner Grundrechte in Bestrebungen, die dazu dienen für Gleichberechtigung für alle zu sorgen und wenn eine Quote für Menschen mit Migrationshintergrund das Mittel dazu ist, dann „go ahead“. Aber die Behauptung, dass der „weiße Mann“ nur Täter und nicht Opfer sein kann oder vielmehr ist, ist faktisch falsch und kann nicht so stehen gelassen werden. Ich sehe da auch Frau Hoeder nicht als Urheberin einer solchen Anschauung, sondern als Teilnehmerin dieses öffentlichen Diskurses und ihren und meinen Text als eine Facette desselben.

Es sei nun jeder frei hieran mit einen Kommentar beizutragen

Fußnoten:

1 – siehe https://sz-magazin.sueddeutsche.de/willkommen-bei-mir/umgekehrter-rassismus-89490 (abgerufen 08.04.2021)

2 – ebd.

3 – ebd.

4 – ebd.

5 – https://de.wikipedia.org/wiki/Rassismus (abgerufen 08.04.2021)

6 – https://de.wikipedia.org/wiki/Diskriminierung (abgerufen 08.04.2021)

7 – https://www.youtube.com/watch?v=YW2twD4bKWg (abgerufen 08.04.2021)

8 – http://cianisophiahoeder.de/ (abgerufen 08.04.2021)

9 – https://www.amazon.de/Warum-l%C3%A4nger-Wei%C3%9Fen-Hautfarbe-spreche/dp/3608504192 (abgerufen 08.04.2021)

10 – Grundgesetz, Artikel 3, Absatz 3

11 – https://www.queer.de/detail.php?article_id=38929

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